Wenn Marlis und Josef Christen von der Kolpingfamilie Heiliggeist erzählen, spürt man schnell: Hier geht es um Heimat. Um Gemeinschaft. Um Menschen, die einander durchs Leben begleiten. Um Glaube, Freundschaft und unzählige Erinnerungen, die sich über Jahrzehnte angesammelt haben.
Ich habe die beiden im Mai 2026 bei ihnen zu Hause in Birsfelden besucht und dabei viel über bewegende Momente, eine grosse Familie und starken Zusammenhalt erfahren. Und fast wäre ich geblieben, denn die Christens besitzen etwas ganz Wichtiges: viel Herz.


«Du gehst zur Kolpingfamilie Heiliggeist.»
Mit diesem Satz beginnt Josef Christen fast beiläufig seine Geschichte zu erzählen.
Gesagt hat diesen Satz 1961 der damalige Präses in Stans, als der 19-jährige Josef seine Heimat verliess, um in Basel bei der Eisenbahn zu arbeiten.
Josef hatte ursprünglich bei den Kapuzinern gearbeitet, doch der Weg passte für ihn nicht. Er wollte etwas anderes. Also bewarb er sich bei der Eisenbahn und begann im Januar 1961 seinen Dienst in Basel. Zuerst Gepäck ausladen, Fenster putzen, Wagen reinigen. Später arbeitete er im Rangierdienst und absolvierte schliesslich die Ausbildung zum Lokomotivführer.
Doch zuerst musste er sich in Basel zurechtfinden. Und genau dort wurde die Kolpingfamilie für ihn wichtig.
Der Präses aus Stans drückte ihm die Adresse der Kolpingfamilie Heiliggeist in die Hand. Josef machte sich auf die Suche nach dem damaligen Kolpinghaus an der Falkenerstrasse. Beim ersten Mal fand er es nicht. Beim zweiten Versuch schon. «Und irgendwie war ich sofort zuhause», erzählt er heute.
Viele Mitglieder stammten damals ebenfalls aus Nidwalden. Die Gemeinschaft war eng, herzlich und selbstverständlich. Jeden Donnerstag traf man sich. Es wurde diskutiert, organisiert, gelacht und über christliche Themen gesprochen. Die geistliche Begleitung gehörte selbstverständlich dazu. Besonders in Erinnerung geblieben sind Josef die Monatskommunionen: Gemeinsam besuchte man sonntags die Messe und ging danach zu den Schwestern der Providentia frühstücken. Oft verbrachte man anschliessend gleich den ganzen Tag zusammen.
Kolping war damals weit mehr als Freizeitgestaltung. Es war Gemeinschaft mitten im Alltag.
Begegnung in Luzern und ein gemeinsamer Weg
Marlis Christen wiederum kannte Kolping schon aus ihrer Kindheit. Ihre Brüder waren Mitglieder, immer wieder waren Kolpingfreunde aus Österreich oder Deutschland bei ihnen zu Gast. «Kolping war irgendwie immer da», erzählt sie.
Kennengelernt haben sich Marlis und Josef 1964 in Luzern, nicht direkt bei Kolping, sondern über gemeinsame Freunde und bei Volksmärschen, die damals sehr beliebt waren. Bald wurde klar: Sie teilen nicht nur ähnliche Werte, sondern auch dieselbe Begeisterung für Gemeinschaft und Zusammenhalt.
Als Familie blieb Kolping ein wichtiger Teil ihres Lebens. Gemeinsam mit ihren Kindern nahmen sie an Wanderungen, Familiennachmittagen, Reisen und Veranstaltungen teil. Es wurde gespielt, diskutiert, organisiert und gefeiert. Besonders lebendig erzählen beide von den Auffahrtswanderungen, die traditionell zur Kolpingfamilie gehörten. Nach dem gemeinsamen Unterwegssein wurde grilliert, gesungen und gelacht.
«Es waren so viele Kinder dabei damals», erinnert sich Marlis. «Das war einfach selbstverständlich.»


Die Frauen übernehmen. Ein kleiner Umbruch mit grosser Wirkung
Doch auch bei Kolping veränderten sich die Zeiten.
Die Mitglieder wurden weniger, viele Familien zogen aus Basel weg. Die klassische Gemeinschaft, die sich früher jede Woche traf, begann langsam kleiner zu werden. Gleichzeitig herrschten innerhalb der Kolpingfamilie teilweise noch sehr traditionelle Vorstellungen.
Frauen durften zwar offiziell bereits ab den 1970er-Jahren aufgenommen werden, willkommen waren sie deswegen noch lange nicht überall. Marlis erzählt heute mit einem Schmunzeln, aber auch mit Ehrlichkeit von einem langjährigen Mitglied, das sagte: «Die Weiber haben hier nichts zu suchen.»
Als die Gemeinschaft irgendwann in eine Krise geriet und kaum noch jemand Verantwortung übernehmen wollte, entschieden sich mehrere Frauen, den Vorstand zu übernehmen. Ein mutiger Schritt und rückblickend wohl ein entscheidender.
«Dann haben wir gesagt: So, wir probieren das jetzt.»
Über 30 Jahre engagierte sich Marlis danach im Vorstand der Kolpingfamilie Heiliggeist. Sie organisierte Veranstaltungen, Reisen, Treffen und Vorträge, half in der Küche, betreute Gruppen und hielt gemeinsam mit anderen die Gemeinschaft lebendig.


Die Verbindung zu Heiliggeist
Auch die Beziehung zur Pfarrei Heiliggeist entwickelte sich über die Jahrzehnte weiter.
Lange Zeit lebte die Kolpingfamilie eher für sich. Erst mit späteren Seelsorgenden entstand wieder eine stärkere Verbindung zur Pfarrei. Besonders Pfarrer Jean-Marc Chanton und später Marc-André Wemmer hätten die Gemeinschaft neu begleitet und ernst genommen, erzählen beide dankbar.
«Da haben wir gespürt: Jetzt gehören wir wirklich dazu.»
Bis heute fühlen sich Marlis und Josef in Heiliggeist zuhause. Sie schätzen die lebendigen Gottesdienste, die Offenheit und die Gemeinschaft, die sie dort erleben dürfen.
Und obwohl sich die Kolpingfamilie Heiliggeist nun auflöst, bleibt vieles bestehen.
Die Freundschaften. Die Erinnerungen. Die Werte.
Was bleibt
Die Geschichte von Marlis und Josef Christen ist, dass Gemeinschaft etwas ist, das bleibt. Über Jahrzehnte. Über Veränderungen hinweg. Über Abschiede hinaus.
Vielen herzlichen Dank, liebe Marlis und lieber Josef, für eure Zeit und eure Geschichte.
Katharina Mey
Pfarrei Heiliggeist, Kommunikation & Projekte
Wer war Adolf Kolping?

