Musik, Literatur, Politik, Oper und eine grosse Portion Neugier: Raphael Müller bringt viele Interessen und Erfahrungen mit in sein neues Amt als Präsident der GPH. Der 36-jährige Basler folgt auf Thomas Holinger und möchte Bewährtes weiterentwickeln. Im Gespräch mit Katharina Mey erzählt er von seiner Kindheit auf der Orgelempore, seiner Leidenschaft für Richard Wagner, Reisen nach Afrika und Osteuropa sowie von seiner Vision für die Zukunft der GPH.


«Ich glaube an Evolution statt Revolution»
Raphael, wer bist du und woher kommst du?
Ich bin 1989 in Basel geboren und auf dem Bruderholz aufgewachsen. Kirche und Musik gehörten von Anfang an zu meinem Leben. Meine Eltern sind beide Organisten. Meine Mutter spielte viele Jahre in der Kirche St. Theresia in Allschwil, mein Vater war Organist in reformierten Kirchgemeinden, zunächst in Aarburg und später während rund zwanzig Jahren in Sissach.
Deshalb war mein Platz als Kind oft nicht in der Kirchenbank, sondern auf der Empore neben meiner Mutter, wenn sie mich sonntags mitnahm. Dort habe ich viele Gottesdienste erlebt, allerdings meistens nicht unten in der Kirche, sondern von oben bei der Orgel aus.
Wie bist du aufgewachsen und was hat dich besonders geprägt?
Aufgewachsen bin ich in einem sehr musikalischen Haushalt. Musik war immer präsent. Mit sechs oder sieben Jahren trat ich in die Knabenkantorei Basel ein. Daneben erlernte ich das Fagottspiel.
Die Knabenkantorei war für mich weit mehr als ein Chor. Dort habe ich einen grossen Teil meiner Jugend verbracht. Viele der zentralen Freundschaften meines Lebens sind in dieser Zeit entstanden und bestehen bis heute.
Zum Chorsingen gehörten auch die Konzertreisen. Einmal pro Jahr ging es ins Ausland. Meine erste Reise führte mich mit neun Jahren in die Tschechische Republik. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich furchtbares Heimweh hatte. Gleichzeitig wurde dort etwas geweckt, das mich bis heute begleitet: die Freude am Reisen. Die Konzertreisen führten uns durch viele Teile Europas und nach Übersee und eröffneten mir schon früh Einblicke in andere Länder und Kulturen.
Die Knabenkantorei ist bis heute eine Konstante in meinem Leben geblieben. Nach meiner Zeit als Sänger engagierte ich mich weiterhin im Verein und organisierte später selbst Konzertreisen. In dieser Zeit führten uns die Reisen unter anderem in die Ukraine, nach Kanada und nach Weissrussland. Länder, die man heute teilweise gar nicht mehr so einfach bereisen kann. Heute bin ich Vizepräsident der Knabenkantorei Basel und engagiere mich dort vor allem in den Bereichen Finanzen und Personal.
Wie verlief dein beruflicher Weg?
Nach der Matura zog ich nach Karlsruhe und begann dort an der Musikhochschule ein Gesangsstudium. Gleichzeitig interessierte ich mich aber auch für andere Dinge. Nach zwei Jahren begann ich deshalb parallel ein Germanistikstudium an der Universität Karlsruhe. Eine Zeit lang studierte ich tatsächlich beides gleichzeitig.
Das Gesangsstudium habe ich abgeschlossen, die Germanistik hat mich dann aber noch deutlich länger begleitet. Für meinen Magisterabschluss ging ich in die USA an die University of Tennessee in Knoxville. Dort unterrichtete ich Deutsch als Fremdsprache und schloss mein Studium ab.
Parallel dazu hatte ich schon früh begonnen, auf Sek 1-Stufe zu unterrichten. Ich pflege jeweils zu sagen, dass ich alles unterrichtet habe, was sich nicht wehren konnte. Neben Deutsch waren das unter anderem auch Mathematik, Geografie, Geschichte und Latein. Diese Unterrichtserfahrung kam mir später auch in den USA zugute.
Nach meinem Abschluss in Tennessee schaute ich meinen Lebenslauf an und merkte, dass darauf eigentlich nur Universität stand. Deshalb führte mich mein nächster Schritt für zwei Monate an das Goethe-Institut in Kinshasa im Kongo.
Anschliessend erhielt ich ein Promotionsstipendium des Schweizerischen Nationalfonds und arbeitete an der Universität Lausanne an meiner Dissertation in Neuerer Deutscher Literatur. Promoviert habe ich mit einer Arbeit über Thomas Mann.
Heute arbeitest du hauptberuflich in der Politik. Wie kam es dazu?
Nach meiner Zeit an der Universität Lausanne war für mich klar, dass ich keine akademische Laufbahn einschlagen möchte. Die Arbeit an der Universität war sehr spannend und privilegiert. Gleichzeitig ist man dort oft weit weg von den konkreten Fragestellungen des Alltags.
In dieser Phase erfuhr ich, dass Franz-Xaver Leonhardt, den ich bereits aus einem Wahlkampf der damaligen CVP kannte, gemeinsam mit Sara Murray das Co-Präsidium der Mitte Basel-Stadt übernehmen würde. Da ich auf Stellensuche war, fragte er mich, ob ich das Generalsekretariat übernehmen möchte.
Seither leite ich das Generalsekretariat der Mitte Basel-Stadt.
Daneben engagiere ich mich weiterhin in verschiedenen Vorständen und Organisationen. Neben der Knabenkantorei Basel bin ich unter anderem bei der Spitex Allschwil Binningen Schönenbuch aktiv und Mitglied des Erziehungsrats des Kantons Basel-Stadt.


Was machst du gerne, wenn einmal keine Sitzungen oder Termine anstehen?
Das kommt leider seltener vor, als mir lieb ist. (lacht)
Ich reise sehr gerne. Besonders Osteuropa hat mich immer fasziniert. Die Ukraine, Weissrussland und Russland waren Länder, die ich vor den aktuellen politischen Entwicklungen mehrfach bereisen durfte. Diese Region interessiert mich kulturell und historisch sehr.
Ich bin seit meiner Jugend ein grosser Opernfan und gehe so oft wie möglich in verschiedene Opernhäuser. Zu Studentenzeiten habe ich es geschafft, gegen 40 Abende pro Jahr in der Oper zu verbringen. Ich habe alles zwischen Frankfurt und Zürich bereist, wo man abends noch zurückkam.
Gibt es einen Lieblingskomponisten?
Besonders schätze ich die Oper des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Wenn ich mich jedoch auf einen Komponisten festlegen müsste, wäre es wohl Richard Strauss oder Richard Wagner. Von Wagner begeistern mich besonders «Tristan und Isolde» und «Parsifal». Gerade Parsifal ist für mich ein aussergewöhnliches Werk. Wagner bezeichnete es nicht mehr als Oper, sondern als «Bühnenweihfestspiel». Aber auch der «Ring des Nibelungen» ist ein faszinierender Werkkosmos, in den man wirklich eintauchen muss. Da wird man gezwungen, vier Tage in der Oper zu verbringen. Das hat auch so etwas Ritualhaftes, das finde ich sehr faszinierend.
Was begeistert dich ausserhalb von Musik?
Ich koche sehr gerne. Das ist eine Leidenschaft, die viel Zeit braucht, mir aber grosse Freude bereitet.
Ebenso mache ich gerne lange Velotouren. So 200 Kilometer an einem Tag finde ich durchaus reizvoll.
Ausserdem ist meine grosse Passion, Afrika zu bereisen. Ich finde das einen sehr spannenden Kontinent.
Und dann ist da natürlich die Literatur. Eigentlich würde ich gerne viel mehr lesen, als ich aktuell schaffe. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie ergiebig Texte, die vor hundert oder zweihundert Jahren geschrieben wurden, für einen Leser des einundzwanzigsten Jahrhunderts noch sind. Ich sage manchmal scherzhaft: Ich lese bevorzugt Bücher, die mindestens dreissig Jahre alt sind. Wenn sie nach so langer Zeit noch verlegt und gelesen werden, muss ja etwas dran sein…
Da hast du vermutlich alle Klassiker gelesen?
Das ist eine sehr, sehr nette Unterstellung (lacht). Aber als Germanist lernt man ja nicht Bücher zu lesen, sondern nur darüber zu schwatzen. Also ich kann eloquent, hoffe ich zumindest, Auskunft geben über die wichtigsten Klassiker, ohne sie gelesen zu haben (wir lachen beide).
Wie bist du zur Genossenschaft der Pfarrei Heiliggeist (GPH) beziehungsweise zur Pfarrei Heiliggeist gekommen?
Zur Pfarrei Heiliggeist bin ich durch die Fusion der Pfarrei Bruder Klaus mit der Pfarrei Heiliggeist gekommen.
Was die GPH betrifft: Beatrice Inglin hat mich vor etwas mehr als zwei Jahren gefragt, ob ich mir ein Engagement in der GPH vorstellen könnte. Kaum in die Verwaltung gewählt, hat man mir das Amt des Kassies angetragen. So bin ich gleich mitten ins Herz der GPH hineingerutscht.
Ich war damals kein Heiliggeist-Insider. Meine Jugend habe ich in der Pfarrei Bruder Klaus verbracht und kannte die GPH vorher nur von aussen. Als Kassier ist man allerdings sehr nah an dem, was in einer Genossenschaft passiert. Gerade die Verwaltung der Immobilien und Finanzanlagen gehört zu den zentralen Aufgaben, und so erhielt ich rasch einen vertieften Einblick in die Arbeit der GPH.
In dieser Zeit lernte ich auch Thomas Holinger näher kennen. Wir verstanden uns schnell sehr gut und arbeiteten eng zusammen. Bereits an der Generalversammlung, an der ich in die Verwaltung gewählt wurde, kündigte Thomas an, dass er sich ein letztes Mal zur Wiederwahl stellen würde und danach eine Nachfolge für das Präsidium gesucht werde.
Wie es manchmal so kommt, wurde dieses Thema eines Abends nach einer Sitzung bei einem Bier diskutiert. Thomas war gar nicht dabei. Irgendwann sagte ich eher spontan: «Das macht jetzt auch nicht so einen Unterschied.» Dieser Satz wurde natürlich sofort festgehalten und so hat sich das mit dem Präsidium ergeben.
Besonders wertvoll war für mich, dass ich während des Mutterschaftsurlaubs unserer Geschäftsstellenleiterin ihre Stellvertretung übernehmen konnte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich bereits, dass ich das Präsidium übernehmen würde. Dadurch erhielt ich die Möglichkeit, die GPH auch von dieser Seite kennenzulernen und sehr intensiv mit Thomas zusammenzuarbeiten.
Von seinem enormen Wissen habe ich in dieser Zeit viel profitieren können. Natürlich gibt es nach wie vor ein grosses Ungleichgewicht zwischen seiner Erfahrung und meiner. Umso mehr freut es mich, dass er der GPH auch in Zukunft beratend zur Seite stehen wird.
Spielplatzeinweihung am Sonntag, 21. Juni mit der GPH und der Pfarrei Heiliggeist
Worauf freust du dich in deiner neuen Aufgabe besonders?
Vor meinem Einstieg bei der GPH hatte ich nie etwas mit Immobilien zu tun. Gerade das macht es für mich spannend. Etwas Neues zu lernen, habe ich immer sehr geschätzt.
Während meiner Zeit an der Universität hatte ich manchmal die Befürchtung, dass es nach dem Studium keine neuen Themenfelder mehr geben würde, in die man sich vertiefen kann. Das hat sich glücklicherweise als Fehleinschätzung herausgestellt. Sowohl in der Politik als auch bei der GPH lerne ich ständig neue Dinge kennen.
Gleichzeitig freue ich mich darauf, etwas zum sozialen Leben in der Pfarrei beitragen zu können. Ich denke, es ist wichtig, dass es auch heute noch Orte gibt, an denen Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen. Solche Orte gibt es nicht mehr allzu oft. Die Pfarrei ist ein sehr wertvoller gesellschaftlicher Ort, und ich freue mich darauf, mithelfen zu können, dass dieser Ort bestehen bleiben und sich weiterentwickeln kann.
Ich freue mich ausserdem auf die weitere Zusammenarbeit mit den übrigen MItgliedern der GPH-Verwaltung und dem Team der Pfarrei. Und ich freue mich darauf, an den GPH-Anlässen unsere Genossenschafterinnen und Genossenschafter besser kennenzulernen.
Was wünschst du dir für die Zukunft der GPH und der Pfarrei Heiliggeist?
Um einen Wunsch für die Zukunft zu formulieren, muss man zunächst verstehen, was in der Vergangenheit geleistet wurde. Thomas Holinger hat in der GPH eine enorme Entwicklung angestossen und vorangetrieben. Ich wünsche mir, dass wir es in der Verwaltung schaffen, dieses Erbe weiterzuführen und die GPH weiterzuentwickeln.
Dazu gehört für mich, die Genossenschaft noch breiter aufzustellen, neue Genossenschafterinnen und Genossenschafter zu gewinnen und unser Immobilienportfolio sorgfältig weiterzuentwickeln. Wenn uns das gelingt, zahlt sich das im wahrsten Sinn des Wortes auch für die Pfarrei aus.
Die Pfarrei Heiliggeist ist heute auf einem sehr guten Weg. Sie ist lebendig und entwickelt sich in einem Umfeld, das für Kirchen und Pfarreien nicht einfacher geworden ist. Ich wünsche mir, dass sie diesen erfolgreichen Weg weitergehen kann. Die GPH soll ihren Beitrag dazu leisten, dass die Pfarrei auch in Zukunft ein lebendiger Ort der Begegnung bleibt.
Zum Schluss noch etwas Persönliches:
Kaffee oder Tee?
Kaffee.
Frühaufsteher oder Nachteule?
Frühaufsteher
Berge oder Meer?
Das Dazwischen – sofern man dort Velo fahren kann.
Süss oder salzig?
Leider eher süss als salzig. Wobei ich daran arbeite.
Gibt es etwas, das viele Menschen überraschen würde, wenn sie es über dich erfahren?
Vielleicht weniger etwas Überraschendes über mich selbst als über meine Verbindung zur GPH. Erst vor kurzem wurde mir bewusst, dass meine Familie schon seit mehreren Generationen mit der Pfarrei und der Genossenschaft verbunden ist.
Mein Grossonkel Arnold «Noldi» Fust war selbst in der GPH engagiert und ist vielen langjährigen Genossenschaftern wohl noch bekannt. Und meine Grossmutter besuchte in den 1930er und 1940er Jahren die Theresienschule. Insofern bin ich vielleicht doch nicht ganz so neu bei der GPH, wie es auf den ersten Blick scheint.
… und jetzt beginnt mit dir ein neues Kapitel? Was möchtest du unbedingt in die GPH einbringen?
Ganz grundsätzlich bin ich eher ein Anhänger von Evolution als von Revolution. Die GPH ist heute sehr gut aufgestellt, und deshalb sehe ich keine Notwendigkeit, grundlegend etwas zu verändern. Die Arbeit in der Verwaltung ist ein laufender Prozess, in den immer wieder neue Ideen einfliessen.
Die eine grosse Idee, die ich unbedingt einbringen möchte, gibt es deshalb nicht. Vielmehr geht es darum, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Dazu gehören für mich wie gesagt die Mitgliederarbeit und die Weiterentwicklung unseres Immobilienportfolios.
Es geht darum, die erfolgreiche Arbeit der vergangenen Jahre weiterzuführen und dort anzuknüpfen, wo bereits viel aufgebaut wurde.
Vielen herzlichen Dank, lieber Raphael, für das geführte Interview und deine Zeit.



