Thomas Holinger ist seit 39 Jahren Mitglied in der Genossenschaft der Pfarrei Heiliggeist (GPH) und seit 38 Jahren in dessen Vorstand. Nach über 22 Jahren als Präsident tritt er zurück und hinterlässt etwas ganz Grosses und Wertvolles für die Pfarrei und das Gundeli.
Im Interview, das Katharina Mey im April 2026 mit ihm geführt hat, blickt er auf sein Engagement, prägende Momente und seine Vision zurück.


Pfarrei ist für mich Heimat, Familie, alles.
„Du gefällst mir, das passt.“ Mit diesen Worten hast du mich im August 2024 empfangen, beim Sonntagsapéro des Chors, einfach so über die Theke hinweg. Warst du schon immer so direkt oder ist das etwas, das dich die vielen Jahre als GPH-Präsident geprägt hat?
Leider immer direkt. Das war ich schon mit 20. Ich habe damals meine Chefin im Zimmer gestoppt und gesagt, so geht das nicht, wenn mir etwas nicht gepasst hat. Das ist einfach meine Art.
Was hat dich ursprünglich dazu bewegt, dich für die GPH und die Pfarrei Heiliggeist zu engagieren?
Ich denke, das ist gewachsen, ganz normal. Die Pfarrei ist für mich Familie, Heimat, alles. Ich hatte eine Gotte, die bei den Helferinnen vom Heiligen Geist war, Theresia Altenbach. Sie war eine Halbschwester meiner Mutter. Ich war schon 1968 mit meiner Mutter und meiner Gotte im Flüeli in den Ferien und fand das Ferienhaus der Schwestern dort schon faszinierend. In Basel wohnten die Schwestern an der Thiersteinerallee 61 (Christkönigshaus) und haben u.a. den Nazarethladen betrieben. Dort gab es Bücher, Devotionalien und Heiligenbildchen. Ich hatte immer die schönsten Bilder, weil meine Gotte mir die ausgesucht hat. Die Maria habe ich heute noch. Die habe ich nie während der Messe mit den andern getauscht (eine Art Panini-Wechsel-Bildchen-Messe).
Nach der Schule bin ich oft bei ihr vorbeigegangen. Sie hatte einen Kasten im Büro im 1.OG mit Süssigkeiten und Salzbretzeli. Ich habe immer Roland Bretzeli bevorzugt. Und dann hat meine Gotte oben aus dem Fenster gewunken, wenn ich nach Hause ging. Und an Ostern, wir hatten schon einen Fernseher, die Schwestern nicht, knieten bei uns 6 – 10 Frauen vor dem Fernseher und empfingen den Urbi et Orbi, das war so von 1965 bis 1970. So bin ich aufgewachsen. Das war einfach normal. Das hat dazu gehört.
Ich habe zuhause immer gefunden, das Tollste ist, wenn man Mieterwechsel hat. Ich stand hinter dem Rockzipfel der Mutter und fragte mich: «Wer ist unser neuer Mitbewohner im Haus?» Das hat mich schon als Junge fasziniert. Ich habe als 15-Jähriger die Hausbesitzerzeitung praktisch auswendig gelernt. Immobilien haben mich einfach immer interessiert und ich wollte immer Immobilienverwaltung machen.
Nach der Verwaltungslehre bei der Fernmeldekreistelephon-Direktion als Fernmeldesekretär (diesen Beruf gibts heute nicht mehr) wurde ich für ein Jahr nach Lausanne versetzt. Nach einem Englandaufenthalt arbeitete ich in einer Liegenschaftsverwaltung. Später ging ich zur Swissair und war von 1983 bis 1987 Flight-Attendant. Aber das Interesse an Immobilien blieb immer bestehen.
Irgendwann rief mich ein früherer Arbeitskollege an und fragte: «Thomas, kommst du zurück?» So bin ich wieder in die Immobilienbranche eingestiegen. Das war allerdings ein unschöner Wiedereinstieg, weil die Arbeitsauffassungen sich nicht mehr mit meinen gedeckt hatten. Irgendwann sagte ich: «Mit dir kann ich nicht mehr arbeiten.»
Und so dachte ich, dass ich das ganze Metier «Immobilien» so richtig lernen möchte. Ergo nahm ich eine Stelle bei der Baloise-Liegenschaftsverwaltung an. Ergebnis auch hier: alle kochen nur mit Wasser. Das vereinfachte mir die Entscheidung: Ich machte mich selbstständig. Angefangen habe ich mit der Verwaltung von drei Häusern.
Und dann kannst du dir nicht vorstellen, wie die Mitglieder unserer Pfarrei plötzlich kamen. «Du machst doch Immobilien.» Die Leute kannten mich und plötzlich verwaltete ich die halbe Pfarrei (vielleicht etwas übertrieben). Und notabene, ohne dass ich das so gesucht hätte.


Wie bist du zur GPH gekommen und wie hast du deinen Einstieg erlebt?
Die Genossenschaft wurde ursprünglich gegründet, weil Pfarrer Mäder fand, man könne nicht nur Gottesdienste feiern. Es brauche auch Gemeinschaft und Zusammenleben, und dafür brauche es ein Pfarreizentrum. Aus dieser Idee entstand die Genossenschaft.
Zuerst hiess sie «Katholisches Vereinshaus der Heiliggeist-Pfarrei», später «Genossenschaft Katholischer Werke der Pfarrgemeinde Heiliggeist» und danach «Genossenschaft der Pfarrgemeinde Heiliggeist». Als aus der Pfarrgemeinde offiziell die Pfarrei Heiliggeist wurde, haben wir den Namen erneut angepasst zur heutigen «Genossenschaft der Pfarrei Heiliggeist». Mein Anteilschein vom 30.6.1987 trägt die Nummer 501. Mittlerweile sind wir bei der Nummer 2200 angelangt.
1988 bin ich in die GPH eingetreten. Ich war 28 und sass dort mit all diesen gesetzten Männern und Frauen. Die erste Sitzung war ein Horror. Es wurde nonstop geraucht, ich habe die Leute vis-à-vis fast nicht mehr gesehen. Ich fragte mich zuerst einmal: «Was macht diese Genossenschaft überhaupt?»
Der Genossenschaft ging es damals gar nicht gut. Wir hatten das alte Pfarreiheim, das dem Zerfall nahestand, oberhalb der Turnhalle/des Saals lediglich Luft, keine Wohnungen und keine Einnahmen. Und trotzdem hätten wir für die pensionierten Lehrerinnen der St.-Theresia-Schule noch eine Pensionskasseneinlage von 1 Million machen sollen. Wir waren etwa 115 Mitglieder und hatten ungefähr 135’000 Franken Umsatz im Jahr. Ich wurde gefragt, was ich in der GPH eigentlich bewirken wolle. Und ich sagte: «Die Provi abreissen.» Da lachten alle und sagten: «Das haben schon viele gewollt.» Ich erwiderte: «Ja, ich weiss.»
Weiter sagte ich: «Wir brauchen mehr Mitglieder.» Heute sind es knapp 800 und wir erwirtschaften rund zwei Millionen Franken Umsatz. Und dort, wo früher das alte Pfarreiheim stand, steht heute das neue Pfarreizentrum L’ESPRIT an der Laufenstrasse 44/46 mit 24 Wohnungen darüber. Vorher hatten wir nur Kosten, heute haben wir zusätzlich auch Ertrag.
Gab es einen Moment, in dem du wusstest: Das ist mehr als ein Ehrenamt für mich?
Also gemerkt habe ich das, wenn ich ins Geschäft zurückgekommen bin und die Leute gefragt haben: «Bist du auch wieder einmal da.» Ich habe einfach alles noch bis nach 23 Uhr und Mitternacht drangehängt, und das geht jetzt nicht mehr, jetzt bin ich müde. Warum das damals ging, weiss ich auch nicht so genau. Ich musste einfach schauen, dass das Geschäft läuft. Ich hatte ja noch Angestellte und war verantwortlich, dass die Löhne bezahlt werden und die Aufträge reinkommen. Die Angestellten machen dann das, was sie können, im Rahmen von A bis B, und du bist dann der, der darüber hinaus den Rest erledigt. Das hat sich einfach so ergeben. Es war nie Stillstand, es ist immer etwas gelaufen, und wenn etwas fertig war, war es vorbei und es kam das nächste.
Ich war ja nicht nur in der GPH, sondern auch über 30 Jahre parallel im Pfarreirat. Das war eine super Zeit für mich, weil ich im Pfarreirat war und gleichzeitig sah, was die Genossenschaft macht. Sobald ich Synergien in den beiden Gremien sah, sagte ich: «Machen wir, machen wir, machen wir.» Dies hat doch des Öftern komische Blicke im Pfarreirat gegeben, vor allem wenn es um eine Finanzierung eines Anlasses ging.
Wenn dich jemand in drei Worten beschreiben müsste – welche wären das?
Zuverlässig, pflichtbewusst, vorausschauend.


Welche Projekte oder Veränderungen hast du in all den Jahren angestossen oder mitgetragen?
Das grösste Projekt war sicher der Abriss des alten Pfarreiheims Providentia und der Neubau des heutigen Pfarreizentrums L’ESPRIT.
Ein grosses Thema war auch die Kirche selbst. Die Innenrenovation hat rund 2,2 Millionen gekostet, und mehr als die Hälfte musste die Pfarrei tragen. Ich habe Sponsoring gemacht, Prospekte gedruckt und verschickt, und wir haben etwa 300’000 Franken zusammengebracht. Es haben dann noch rund 700’000 gefehlt. Die GPH hat mit einstimmigem Beschluss entschieden, die Restkosten zu übernehmen.
Zur Aussenrenovation gehörte auch die Gestaltung des Vorplatzes. Früher war das ein reiner Betonplatz. Ich habe gesagt: Das ist ein Unort, wir brauchen Bäume. Dafür mussten wir das Trottoir verschieben und mit der Stadt einen Landabtausch machen. Das war nicht einfach, ist doch die RKK Landeigentümerin. Es gab viel Widerstand seitens der RKK in der Baukommission. Trotzdem (oder gerade deswegen?) haben wir direkten Kontakt mit den Behörden aufgenommen und alles aufgegleist, und ich habe dafür auch eine schöne Portion Kritik abbekommen. Heute kann man sich die Seite Güterstrasse ohne diese vier Bäume gar nicht mehr vorstellen – trotz oder gerade wegen des Widerstands: eine äusserst gelungene Sache.
Auch der Hof hat sich stark verändert. Im Rahmen der flankierenden Massnahmen zur Grün 80 wurde die erste Umgestaltung durchgeführt. Dabei wurde das Kleeblatt beziehungsweise der Trinitätsbrunnen aufgestellt. Dann haben wir ihn im Rahmen der Vorplatzgestaltung, 20 Jahre später, überdacht (aufgrund von Beispielen der hängenden Gärten in Aix-en-Provence) und daraus den heutigen Rosengarten gemacht. Die Idee kam aus Erzählungen über südfranzösische Gärten seitens des ausführenden Architekten Hans-Peter Baur. Unser damaliger Vikar Balz Sigrist hat die Rosen gepflegt und gehegt, sodass der Garten mit der Zeit richtig gewachsen ist. Heute ist das ein Ort, der für viele ein Lieblingsplatz ist.
Dazu kommen viele weitere Projekte, zum Beispiel der Umbau des Pfarrhauses, die Renovation verschiedener Häuser und die Weiterentwicklung der ganzen Liegenschaften. Wir haben Gebäude, die kaum Ertrag hatten, optimiert, damit durch die Einnahmen die Pfarrei unterstützt werden kann.
Das St.-Theresia-Schulhaus, unsere ehemalige katholische Mädchenschule der Pfarrei, lag mir immer schwer am Herzen. Wir wussten nach der Schliessung im Jahre 1970 lange nicht, was wir damit machen sollen. Wer will schon ein ganzes Schulhaus mieten? Die Fachhochschule Nordwestschweiz Soziale Arbeit war damals eingemietet, zuerst zu einem Mietzins, der für dieses grosse Haus viel zu tief war – eher ein Obolus. Dann setzte ich mich mit der Schule zusammen und machte einen neuen Vertrag. Statt rund 60’000 Franken zahlten sie danach fast 300’000 Franken Miete im Jahr. Im Verhältnis zu anderen Objekten immer noch ein preiswerter Mietzins. Das hat der GPH enorm geholfen. Das Schulhaus habe ich rund 20 Jahre lang benevol verwaltet.
Welche davon waren deine Herzensprojekte für die GPH bzw. für die Pfarrei Heiliggeist?
Es geht für mich gar nicht um einzelne Projekte. Mein Herzensprojekt war immer, Dinge zu vereinfachen und zusammenzuführen, damit es langfristig funktioniert. Ich wollte nie hundert Sitzungen für hundertmal das Gleiche. Es geht immer um die Pfarrei. Und ich wollte immer, dass die Pfarrei ein gesundes Selbstbewusstsein hat und nicht einfach wartet, bis jemand anderes entscheidet. Wir machen, wir schauen vorwärts und wir übernehmen Verantwortung.
Was mir immer wichtig war, ist das Zusammenleben. Unsere Aufgabe ist nicht nur Verwaltung. Unsere Aufgabe ist auch Gemeinschaft. Darum war mir zum Beispiel die GPH-Generalversammlung mit dem Apéro immer wichtig. Oder die Jugendarbeit. Oder dass Menschen überhaupt zusammenkommen.
Die Stiftung Giuvenils habe ich gegründet, weil ich sagte: «Wenn ich einmal sterbe, soll das alles hierher fliessen.» Mir war wichtig, dass die Verbindung zur Pfarrei bleibt. Darum gibt es im Stiftungsrat auch immer eine Delegation aus der Pfarrei. Ich wollte nie, dass solche Stiftungen irgendwann einfach abdriften. Wenn man etwas braucht, soll man unkompliziert helfen können. Mit der noch jungen Stiftung konnten wir bereits vieles unterstützen: Jugendarbeit, Projekte, Reisen, Heiliggeisterbahn und vieles mehr.
Bei der Stiftung Nazareth konnten wir den Umbau des Jugendhauses Don Bosco in Himmelried initialisieren und mitfinanzieren. Dort sagte der damalige Stiftungsrat des Jugendhauses: «Du Thomas, kannst du nicht einmal schauen?» Dann nahm ich den Architekten Christian Bächle (ebenfalls Stiftungsrat der Stiftung Nazareth) dazu, und der Umbau wurde Wirklichkeit. Heute nimmt man das als selbstverständlich wahr.
Beim Ferienhaus Flüeli, dem ehemaligen Ferienhaus unserer Schwesterngemeinschaft, haben wir lange überlegt, ob wir es abreissen, renovieren oder verkaufen sollen. Ich fand immer: Verkauft ist es schnell. Aber wieder so etwas zu kaufen, an dieser Lage, mit dieser Aussicht und dieser Umgebung, das ist fast unmöglich. Flüeli war für mich immer ein besonderer Ort. Dort oben steht die Zeit einfach still. Erholsam!
Die rund 23 Schwestern verbrachten dort ihre Ferien. Diejenigen, die im St.-Theresia-Schulhaus unterrichteten, durften das Haus in den Schulferien belegen, die anderen in der Zwischensaison. Damals hatte das Haus nur sechs Betten, heute sind es 20. Für mich war klar, dass die Geschichte des Hauses sichtbar bleiben muss. Darum tragen die Zimmer die Namen der Schwestern, die viele Menschen aus unserer Pfarrei noch gekannt haben. Im Stiftungsrat gab es darüber Diskussionen. Und praktisch ist es auch. Den Handwerkern kann ich sagen: «Das Glas im Zimmer Sr. Maria ist defekt.» Und sogar die Brandmeldeanlage weiss, wenn es bei Sr. Theresia brennt. Ja, diese moderne Technik.
Rund 30 Millionen Franken wurden in den letzten Jahrzehnten rund um die Pfarrei und die der Pfarrei nahestehenden Institutionen investiert. Ich traf meine Entscheidungen konsequent und mit Überzeugung. Ich habe nicht lange überlegt, denn ich habe das jeweilige Potenzial immer gespürt. Ich habe es einfach gemacht. Oder anders gesagt: die anderen überzeugen müssen.
In Zeiten sinkender Mitgliederzahlen muss unsere Pfarrei einfach gesund aufgestellt sein, und das erreichen wir nur durch konsequente Erneuerung unserer Anlagen, möglicherweise auch unserer Denkweise. Wer weiss …




Welche Idee schien zuerst unmöglich und wurde am Ende trotzdem Wirklichkeit?
Vieles war zuerst unmöglich. Der Neubau des heutigen Pfarreizentrums L’ESPRIT war so ein Beispiel. Wir hatten damals ein Projekt mit rund 9,6 Millionen, und die entscheidende Frage wurde an der GV gestellt, ob man das überhaupt finanzieren kann. Das ist die Gretchenfrage. Ich musste entscheiden, ohne zu wissen, ob es wirklich geht. Zwei Wochen später kam ein neuer Kostenvoranschlag unserer Architekten mit über zwölf Millionen. Dann mussten wir das Projekt ein Jahr unterbrechen, reduzieren und Dinge streichen, zum Beispiel Lagerräume, die uns heute fehlen. Rückblickend hätten wir lieber die Architekten ausgetauscht. Es hätte uns eine Menge Ärger, Geld sowie Gerichts- und Anwaltskosten erspart.
Auch beim Lift im Schulhaus hiess es über Jahre, das gehe wegen des Denkmalschutzes nicht beziehungsweise der Denkmalpfleger habe sich mit dem Aussenlift überhaupt nicht anfreunden können. Dann habe ich (leicht enerviert) gesagt: Wenn sich das nächste Mal der Invalidenverband meldet, weil das Haus nicht entsprechend zugänglich ist, dann müssen Sie das mit Ihrem Namen verantworten. Heute ist der Lift da.
Oder die Zusammenlegung im Pastoralraum Ost, welche nach vier Jahren zu einer Fusion der drei Pfarreien Bruder Klaus, Don Bosco und Heiliggeist führte. Das war eine extrem schwierige Arbeit im Pastoralraumrat. Umso mehr, da es genau zu dieser Zeit keine Gemeindeleitung in Heiliggeist gab. Niemand wollte etwas verändern. Alle wollten ihre eigenen Strukturen behalten. Aber niemand konnte sagen, wie das zu finanzieren wäre. Und heute sagen viele selbst, dass die Fusion doch sehr viele Vorteile mit sich gebracht hat. Wir können dadurch die ganze Palette an Dienstleistungen für Jung und Alt anbieten. Früher war das nur noch partiell möglich.
Bei all den unglaublichen Diskussionen sind mir immer wieder diese beiden Sätze in den Sinn gekommen: «Prüfe alles – und behalte das Gute.» Oder: «Jede noch so grosse Reise beginnt mit dem ersten Schritt.»
Gibt es etwas, das heute selbstverständlich wirkt, das es ohne dich oder die GPH vielleicht gar nicht gäbe?
Da fällt mir spontan unsere GPH-Generalversammlung ein. Früher gab es Mineral und ein paar Silserli. Es kamen vielleicht 15 Leute. Heute kommen weit über 100 Leute, der Apéro ist legendär und die Leute sitzen noch lange nach GV-Schluss zusammen.
Oder auch die Homepageadresse der Pfarrei. Ich habe im Pfarreirat gesagt, wir müssen jetzt einen Namen reservieren. Dann sagten die Pfarreiräte, es gebe doch so viele Heiliggeist Pfarreien und man solle lieber etwas wie Heiliggeist-Basel nehmen. Ich habe gesagt, nein, WIR sind Heiliggeist. Heiliggeist.ch ist der beste Name für unsere Homepage. Die anderen Heiliggeistpfarreien in der Schweiz haben jetzt Strich oder Punkt Minus oder konkretes Beispiel heiliggeist.refbern.ch. Ist doch viel schwieriger zu merken als nur Heiliggeist, nicht?
Wie hat sich die Pfarrei und vielleicht auch die Gesellschaft in diesen 40 Jahren verändert?
Was für mich anders geworden ist, ist die Konstanz, die verschwunden ist. Früher war vieles selbstverständlich. Man hat einfach gemacht. Heute wird oft bis zur letzten Sekunde geschaut, ob noch etwas Besseres kommt. Man meldet sich an und kommt dann doch nicht. Das spüre ich extrem.
Früher waren vorne links in der Kirche immer die ersten zwei Bänke voll mit unseren Schwestern. Die waren immer da. Auch wenn jemand ausgefallen ist oder irgendwo Hilfe gebraucht wurde, sind die Schwestern eingesprungen. Es lief einfach.
Und heute merkst du vermehrt: Wenn niemand etwas macht, dann stirbt es. Das ist für mich der grosse Unterschied zu früher.
Schwester Agnes kam früher, als sie die letzte Schwester war, mehrmals täglich bei mir im Geschäft vorbei, brachte Briefe, Krankenkassenunterlagen oder Rechnungen vorbei. Sie fragte immer, ob sie zu Fuss gehen soll oder das Tram nehmen darf. Sie war ein Leben lang auf die Ordensgemeinschaft fixiert – und jetzt plötzlich allein. Und vor allem: Auf einmal waren Entscheidungen zu treffen. Nicht einfach im vorgerückten Alter. Diese Nähe, dieses Vertrauen und dieses Miteinander machten die Pfarrei damals und wohl auch heute aus.
Ich ging oft bei den Schwestern vorbei, auch im Flüeli, wenn sie in den Ferien waren, einfach auch, um zu schauen, ob sie noch recht essen. Das ist mit den Jahren einfach so ein fester Termin geworden. Oder dann hiess es irgendwann: «Thomas, kannst du für uns kochen? Wir möchten ein paar unserer Freunde einladen.» Also ging ich bei ihnen kochen. Es war ein spezielles Haus, dieses Christkönigshaus. Die Wohnungstüren der Schwestern standen oft offen, und im ganzen Treppenhaus roch es immer nach Suppe.
Wer oder was hat dich bei all diesen Projekten immer angetrieben?
Einfach das Gemeinwohl. Und dass wir zeigen, dass wir das können und dass wir mit von der Partie sind. Dass wir eine tolle Pfarrei sind.
Ich habe vieles schon als Junge gesehen, was zu ändern wäre. Deshalb war für mich entsprechend klar, warum Veränderungen angegangen werden müssen – einfach durch die tägliche «Betroffenheit». Und irgendwann bist du dann an der Position, wo du etwas verändern kannst. Dann machst du es.
Und vieles lief früher noch über Vertrauen, sprich per Handschlag. Auch bei grossen Projekten oder Finanzierungen. Rückblickend kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie das gewesen ist. Wir wussten einfach: Es funktioniert.
Was nimmst du ganz persönlich aus diesen Jahren als GPH-Präsident mit?
Erleichterung, dass all die gewagten Projekte geglückt sind und die GPH heute äusserst gesund dasteht und ich einen guten Vorstand verlasse mit einem neuen, initiativen Präsidenten.
Ich habe mehr Zeit in die GPH investiert als in mein eigenes Geschäft. Dort war vieles klar, das kannte ich. Aber hier in der Pfarrei war es viel schwieriger, komplexer in den Abläufen und Abhängigkeiten und gleichzeitig auch viel spannender.
Lieblingsort in und rund um die Heiliggeistkirche?
Nebst dem Beichtzimmer? (Wir lachen laut)
Also ich bin sehr gerne auf der Empore und am Ambo.
Seit 1984 bin ich Lektor und seit 31 Jahren singe ich im Gesangchor Heiliggeist.
Was bedeutet für dich Freundschaft?
Verlässlichkeit
Was bedeutet für dich Pfarrei Heiliggeist?
Pathetisch: mein Leben.
Interessant ist für mich die Identifikation. Dass Leute auch nach Jahren des Wegzugs wieder zurückkommen nach Heiliggeist. Am letzten Herbstmärt kam jemand, der früher Jungwachtleiter war und heute im Züribiet lebt. Er sagte, dass er jetzt wieder öfters kommen wird.
Oder bei der Bank. Dort hiess es irgendwann einfach nur noch beim Betreten der Schalterhalle: «Heiliggeist ist da.» Ich war überall einfach der von Heiliggeist.
Und dass die Schwestern immer da waren. Viele sehen heute gar nicht mehr, wie viel sie für die Pfarrei gemacht haben. Sie haben alle Lücken ausgefüllt. Ehrenamtlich.
Um das Grab der Schwestern kümmere ich mich heute noch im Auftrag der Stiftung Nazareth. Vor kurzem habe ich den Steinmetz angerufen, weil man die Schrift auf der Platte kaum noch lesen konnte und etwas neu vergoldet werden musste. An Ostern und Weihnachten hole ich jeweils das Ewige Licht dorthin. Die Schwestern sind auf dem Wolfgottesacker begraben. Das Grab läuft ewig und die Pflege wird über die Stiftung Nazareth bezahlt.
Wenn du in der Heiliggeistkirche einmal singen könntest, was immer du möchtest, welches Lied wäre es?
Nun, da ich im Gesangchor der Heiliggeistkirche singe, ist die Frage nicht, ob ich könnte, ich muss dann. Aber generell, wenn ich in eine Kirche gehe, interessiert mich einfach die Akustik – im Vergleich zur Heiliggeistkirche. Dann singe ich: «Gloria in excelsis Deo» und zähle die Sekunden, bis der Hall verklingt. So hat jeder seinen Tick.
Wenn du für 24 Stunden jemand anderes sein könntest, wer wärst du und warum?
Oh Gott, niemand. Ich habe genug an mir.


Was würdest du deinem jüngeren Ich am ersten Tag als Präsident sagen?
Die Zeit regelt alles.
Im Moment ist immer alles wichtig, aber nach einer halben Stunde interessiert es schon niemanden mehr. Es ist alles so relativ.
Und ich habe festgestellt, der Erfolg besteht nicht im Anfangen, sondern im Durchhalten.
Das könnte auch ein Grund sein, warum ich das so lange gemacht habe. Ich habe einfach gesagt: „Jetzt muss das noch, jetzt muss das noch“. Das sitze ich jetzt einfach aus. Und dann geht es. Und eben, das dauert und dauert.
Auf welchen Moment bist du heute besonders stolz?
Stolz ist nicht mein Wort.
Was ich toll finde ist, dass die Pfarrei heute noch ein gesundes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen hat. Dass wir nicht einfach auf den Mammon gewartet haben, sondern gemacht haben.
Und ich habe immer wieder freudig festgestellt, dass Heiliggeist anders ist.
Das Tollste war immer, wenn ich mit Geschäftskollegen zusammen essen gegangen bin. Irgendwann kam dann die Frage nach den Hobbies und ich sagte: «Ja, ich singe.» Dann fragten sie: «Ach ja, wo?» Und ich sagte: «Im Kirchenchor.» Dann kam sofort: «Was? Du? In der Kirche? Das glaube ich nie! Das stimmt nicht» Und ich sagte: «Doch. Und wir haben es sogar sehr gut. Wir machen tolle Sachen.»
Da habe ich gemerkt, wie stark die Klischees überall noch vorhanden sind und wie wenig sie heruntergebrochen eigentlich stimmen. «Was, du bist katholisch? Nein, wie grausam!»
Und genau da müssen wir ansetzen und noch viel mehr nach aussen tragen, dass es eben auch das andere gibt. Dass Heiliggeist vielleicht ein bisschen anders ist.
Und wenn du gehst, was bleibt?
Dass es funktioniert.
Vielen herzlichen Dank, lieber Thomas, für das geführte Interview und deine Zeit.

