Das Ökumenische Morgengebet auf dem Bruderholz hört auf. Heidi Fischer, Doris Kuhn und Katrin Schulze im Gespräch mit Katharina Mey über Psalmen, Kaffeepausen, Seite 329 und den Abschied.
«Das ist gemischt, und das fragt man nicht»
Am 4. Dezember 2026 findet das letzte Ökumenische Morgengebet statt. Seit 1989 trafen sich Reformierte und Katholische einmal im Monat zu Psalm, Bibeltext, Kaffee und Gespräch. Wir haben uns mit den beiden Frauen an einen Tisch gesetzt, die es gegründet und weitergetragen haben: Heidi Fischer, Gründerin und frühere Diakonin an der Tituskirche, und Doris Kuhn, die das Morgengebet seit 2008 weiterführt. Dabei war auch Katrin Schulze, die das Morgengebet seit 2022 für OFFLine begleitet.
Katrin Schulze: Heidi, 1989 fand in Basel die Europäische Ökumenische Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit» statt, das grösste konfessionsübergreifende Treffen Europas seit der Glaubensspaltung. Was ist dort für dich passiert?
Heidi Fischer: Ich war dabei, weil ich bei ökumenischen Anlässen von Amtes wegen oft hingegangen bin. Dort habe ich in die Runde geschaut und gesehen, wie viele Katholikinnen und Katholiken es bei uns gibt. Wir auf dem Bruderholz sind ja fast wie ein Dorf: Hier wohnt jemand reformiert, dort jemand katholisch, dazwischen ein Gartenhag. Man grüsst sich, und das sollte weitergehen als ein Gruss. Ich habe gespürt, dass das Bedürfnis da ist, und gedacht: Jetzt müssen wir etwas machen. Noch im selben Jahr habe ich die ökumenische Arbeitsgruppe gegründet.
Doris Kuhn: Wir wollten eigentlich eine Arbeitsgruppe sein. Das Morgengebet war nur ein Teil davon, wir haben auch Vorträge organisiert.
Katharina Mey: Nehmt mich mal mit in so einen Morgen. Wie hat er angefangen?
Doris Kuhn: In der Dorothea Kapelle. Es gibt feste Texte, die man im Wechsel liest. Den Psalm liest man abwechselnd, den Bibeltext am Stück. Wer will, liest, das ist freiwillig. Und wir haben gesungen, solange wir genug waren.
Heidi Fischer: Dazu kam die Stille. Die habe ich aus Taizé mitgebracht, wo ich oft war, und in die Liturgie eingebaut. Manchen fiel das schwer, aber da mussten alle durch. Und Hopkinson Smith hat auf der Laute gespielt. Er war nicht von Anfang an dabei, aber er hat sich selbst eingeladen und ist bis heute geblieben.
Katharina Mey: Und danach?
Heidi Fischer: Kaffee und das Gespräch über den Bibeltext. Das ist wichtig, die Kaffeepause. Um elf Uhr war Schluss, das wussten alle. Sonst wären wir bis zwölf sitzen geblieben, und alle wollten ja wieder kochen. Zum Teil musste man das Gespräch abklemmen.
Katharina Mey: Wer ist gekommen? Und woran hat man gemerkt, wer katholisch und wer reformiert ist?
Doris Kuhn: Das ist gemischt, und das fragt man nicht.
Heidi Fischer: Man hat es manchmal gemerkt, wenn jemand mit einem bestimmten Thema anfing. Und bei der Bibel: Ich musste anfangs bei Matthäus 5 die Seitenzahl sagen, damit alle aufschlagen konnten. Seite 329. Am Schluss war das nicht mehr nötig. Bibelfest musste man nicht sein, alle sind hineingewachsen.
Katrin Schulze: Dazu gibt es einen historischen Hintergrund. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil Mitte der 1960er-Jahre wurde in der katholischen Kirche das eigene Bibellesen nicht ermutigt. Man sollte den Priestern das Wort überlassen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Leute dafür die Sicherheit aufgebaut haben.
Katharina Mey: Wie wurden die Themen ausgesucht?
Heidi Fischer: Sie kamen als Wunsch aus der Gruppe, zum Beispiel die Seligpreisungen, Gleichnisse oder Psalmen. Wir hatten keinen Zeitdruck und haben ein Thema so lange bearbeitet, bis wir alles besprochen hatten. Zu viert haben wir uns jeweils vor dem Morgengebet getroffen und es vorbereitet.
Katrin Schulze: Seit 2022 habe ich das im Rahmen von OFFLine begleitet, weil uns diese Ökumene wichtig ist. Zu einem Thema habe ich meistens sechs, sieben Mal einen Bibeltext vorbereitet: Propheten, Weisheitsliteratur, zuletzt die Engel. Dazu gab es ein Blatt mit theologischen und historischen Hintergründen. Beim Morgengebet selbst war ich bewusst nicht regelmässig dabei. Ihr seid eine Gruppe, die Theologen sollen sich aus dem Gespräch heraushalten.
Doris Kuhn: Der Vorteil der kleinen Gruppe ist, dass alle reden. In einer grossen Gruppe führen drei oder vier das Gespräch, und die anderen hören zu.
Katharina Mey: Was ist euch aus diesen Jahren geblieben?
Doris Kuhn: Schön war es für mich immer, wenn die Antwort auf den Text gekommen ist. Wenn jeder gesagt hat, was er wirklich denkt, auf eine Art, die man sonst nicht unbedingt pflegt.
Heidi Fischer: Das hat Vertrauen gebraucht. Und für mich war es das Schönste, wenn Menschen sich zu dem Weg bekannt haben, wenn jemand klar Stellung zur Bibel genommen und gesagt hat: Auf diesem Weg bin ich auch.
Katrin Schulze: Mir gefällt, dass Menschen zu Wort kommen und sich über diese Texte austauschen, ohne dass jemand sagt, so ist das zu verstehen. Die Texte sind zum Teil 2000 Jahre alt und erschliessen sich im Gespräch für den Moment neu. Wenn mir die Gruppe zurückmeldete, es sei ein angeregtes Gespräch gewesen, dachte ich: Ja, da war das wieder möglich.
Katharina Mey: Was hat das Morgengebet für die Ökumene auf dem Bruderholz bedeutet?
Katrin Schulze: Ich nenne euch die Urmütter der Ökumene auf dem Bruderholz, zwischen Titus und Bruder Klaus, später Titus und Heiliggeist. Auch die Zusammenarbeit mit dem Zwinglihaus ist davon geprägt. Dieser Ökumene fühlen wir uns zutiefst verpflichtet.
Heidi Fischer: Aus dieser Gruppe sind auch Mitwirkungen bei Messfeiern in der Bruder-Klaus-Kirche entstanden. Ich habe ein paar Mal mitgemacht, andere auch.
Katharina Mey: Jetzt hört das Morgengebet auf. Woran liegt es?
Katrin Schulze: Doris und ich haben immer wieder darüber gesprochen: Es wird weniger, und es kommt niemand dazu. Wir haben es bei OFFLine regelmässig ins Halbjahresprogramm geschrieben, aber es hat sich nicht ergeben. Heute sind es noch vier Teilnehmende, und manche mögen gesundheitlich nicht mehr. Das ist traurig, aber auch realistisch.
Doris Kuhn: Ich glaube, es hat uns auch geschadet, dass Bruder Klaus zu Heiliggeist gekommen ist. Viele sind in andere Kirchen gegangen, und der Zusammenhalt ging ein Stück verloren. Dadurch wurde es schwer, neue Leute zu finden.
Heidi Fischer: Mir tut es leid, dass sich nie ein Weg gefunden hat, wie das Morgengebet in andere Angebote einfliessen könnte. Ich hätte mir gewünscht, dass man in einfacherer Form weitermacht: sich bei Doris treffen, einen Bibeltext lesen, ein Eingangsgebet, über den Text sprechen, am Schluss ein Segen. Das hat keinen Anklang gefunden.
Doris Kuhn: Dazu müsste die Gruppe grösser sein.
Katharina Mey: Wie fühlt sich der Abschied an?
Doris Kuhn: Mir wird es fehlen.
Katrin Schulze: Es ist auch ein Freiraum. Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, damit etwas Neues wachsen kann. Das beschäftigt mich immer wieder, das Loslassen und die Zeit auszuhalten, bis etwas wächst. Man weiss nicht, was dann entsteht, aber ich vertraue darauf.
Doris Kuhn: Ich hoffe, dass der Gedanke der Ökumene nicht untergeht und in anderer Form weiterlebt.
Heidi Fischer: Und die Gedanken sollen auch zu denen gehen, die nicht mehr da sind, die gestorben sind. Am 4. Dezember soll zum Ausdruck kommen, worum es am Anfang ging: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
Das letzte Ökumenische Morgengebet mit
anschliessendem Bibelgespräch
Freitag, 4. Dezember, 9.30 Uhr in der Dorothea-Kapelle.



