Heiliggeist trifft… Hamburg. Rückblick unserer Reise.

Ein Reisebericht über fünf Tage Hamburg, die Deutsche Bahn und die erstaunliche Tatsache, dass man auch ohne Fischbrötchen überleben kann

Donnerstagmorgen, 10. September 2026. 
Ganz anders als bei meinen bisherigen Pfarreireisen heisst es diesmal: ausschlafen! Unser Zug fährt erst um 8.46 Uhr, geradezu luxuriös. Gegen 8.00 Uhr sind wir am Treffpunkt fast vollzählig und bestens gelaunt, da der Zug tatsächlich fährt. Ein vielversprechender Start!

Nach einer Weile im Grossraumwagen, geht auf unseren Handys der Alarm los: deutschlandweiter Probealarm. Während die einen vermutlich kurz überlegen, ob sie jetzt tatsächlich evakuiert werden müssen, halte ich das Ganze zunächst für ein etwas irreführendes Handyproblem.

Die Zugfahrt an sich gestaltet sich als äusserst kurzweilig. Plätze werden rege getauscht, Informationen verteilt und berühmte Klämmerle gezogen. Das Prinzig des „taking care“ werde ich auch bei der nächsten Familienreise anwenden. Eine Verspätung am Zielort von lediglich 60 Minuten gilt bei der Deutschen Bahn ja quasi noch als pünktlich.

Irgendwann erreichen wir dann unser Hotel in Hamburg, vorher stellen wir am Bahnhof noch fest, dass der Aufzug zur S3 offenbar mit grosser Hingabe vor uns versteckt wurde. Das sollte uns auf der Rückfahrt noch beschäftigen.

Der erste Kontakt mit Hamburg

Am Donnerstagabend dann die erste Berührung mit der Hamburger Hafenfähre: ein schwimmender Bus, der uns ab Landungsbrücke direkt am Fischmarkt und an Ina’s Nacht Kneipe „Zum Schellfischposten“ vorbeischaukelt. 

Die wichtigste Lektion lernen wir dann auch noch heute im Gespräch mit dem Kellner.
Der Hamburger sagt „Moin“. Zu jeder Tageszeit.

„Moin Moin“ gilt bereits als geschwätzig. Viel mehr muss man über den norddeutschen Charakter eigentlich nicht wissen.

Abgesehen davon, dass es komisch klingt, wenn Nicht-Norddeutsche versuchen, „Moin“ zu imitieren, genauso wie wenn Deutsche sich im Schweizerdeutschen versuchen.

Ich sage nur: Klämmerle (ein Insider).

Geschwindigkeit ist eine Tugend

Eine weitere Erkenntnis der ersten Tage: Kellner/innen in Hamburg sind Profis. Schnell im Sprechen, schnell im Tellertragen. So schnell konnte die Reisegruppe gar nicht, wie ansonsten gewohnt, die benutzten Teller stapeln, schon wurden sie vom Personal abgeräumt.

Ansonsten ist zu erwähnen, dass Fisch uns die nächsten vier Tage begleiten wird. Sehr eng sogar.

Da ist es auch nicht weiter schlimm, dass ich meine Omega-3-Tabletten nicht ein einziges Mal genommen habe.

Und apropos schnell: Unser erster Stadtführer Ben hat sich in den ersten Minuten mit einer Geschwindigkeit geäussert, bei der vermutlich 90 Prozent unserer Gruppe nach dem ersten „Moin“ innerlich ausgestiegen sind. Nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Nordrhein-Westfalen hielten bis zum Ende durch. Der fragende Blick der Gruppe verlangsamte dann das Sprachtempo.

Ben war allerdings weltklasse: wortgewitzt, nordisch charmant und mit einer Spur künstlerischem Flair.

Als er uns von einem 300.000 Euro teuren Seidenteppich erzählte, wehte ihm gefühlt noch der Teppichhändler aus 1001 Nacht durch die Haare.

Also Freunde: Haltet Ausschau nach eurem löchrigen Bettvorleger. Vielleicht schlummert darin ein Vermögen. Und dann ab damit zur Schätzung in die Speicherstadt. 

Hamburg kann was

Für viele von uns war spätestens jetzt klar: Hamburg ist grossartig.

Gute Stimmung. Kaffeerösterei. Speicherstadt. Miniatur Wunderland. Hafen. Wasser. Containerschiffe. Musicals. Traumhaftes Wetter. Und ganz viel norddeutsches Flair.

Und dann natürlich: die Elbphilharmonie.

Da stehen wir nun vor diesem Gebäude und wissen: Auch Hamburg kann Herzog & de Meuron.

Die Schweizer Architekten haben auf einen alten Kaispeicher diesen gläsernen Wellenbau gesetzt und damit Hamburg ein neues Wahrzeichen beschert.

Ganz billig war die Sache allerdings nicht. Ursprünglich waren 77 Millionen Euro vorgesehen. Am Ende kostete das Projekt rund 866 Millionen Euro. Fast zehn Jahre wurde gebaut.

Aber inzwischen fragt kaum noch jemand nach der Rechnung. Die Elbphilharmonie ist längst die Attraktion der Stadt. Allein die öffentliche Plaza auf 37 Metern Höhe hat seit ihrer Eröffnung 2016 bereits 25 Millionen Besucher empfangen. Mehr als drei Millionen Menschen kommen jedes Jahr, um von dort über Hafen und Stadt zu schauen.

Damit hat Hamburg etwas geschafft, was nicht jedem Grossprojekt gelingt: Aus einem gigantischen Kostenproblem wurde tatsächlich ein Publikumsmagnet.

Und wir durften natürlich auch hin.

Unser persönlicher Star: das Fischbrötchen

Ein persönlicher Running Gag unserer Reise war allerdings einem anderen Thema gewidmet: Es war das Fischbrötchen.

Kein waschechter Hamburger verlangt nach einem Fischbrötchen. Die Millionen Touristen, die jedes Jahr nach Hamburg kommen, offensichtlich schon. Und auch unsere Gruppe entwickelte langsam eine regelrechte Fixierung auf dieses ominöse Brötchen.

Mir persönlich ist während der gesamten Reise kein Fischbrötchen vor die Füsse gefallen. Im Zweifel gehe ich bei Gelegenheit einfach zur Nordsee im Rheincenter in Weil. Ist zwar nicht Hamburg, aber immerhin liegt der Rhein daneben.

Am letzten Abend haben wir in traumhafter Atmosphäre unseren Fisch gespeist: eine richtige alte Hamburger Amtsstube mit sehr niedriger Decke und selbstverständlich mit den obligatorischen weissen Tischdecken.

Überhaupt gab es viel zu entdecken: die Hafenrundfahrt, Containerschiffe, das Portugiesenviertel, das Hamburger Rathaus, die Demo am Jungfernsteg, Eis an der Binnenalster, Lübeck ganz nah und natürlich die Frage, was man eigentlich auf der Reeperbahn nachts um halb drei macht.

Darüber schweigen wir hier. Fahren Sie mal hin und lassen sich auf diese einmalige Atmosphäre ein. Es lohnt sich.

Der Michel

Am Sonntagmorgen ging es zum Michel  und wer Hamburg besucht, sollte hier nicht nur auf den Turm steigen, sondern ruhig einmal zu einem Gottesdienst kommen.

Wir hatten das Glück, einen besonders schönen Gottesdienst zu erleben. Pastorin Julia Atze, seit vielen Jahren Gemeindepastorin am Michel begrüsste die Besucher/innen mit einer offenen, herzlichen Art.

Kinderkirche stand auf dem Programm, allerdings waren die Kinder offenbar noch anderweitig beschäftigt, gesehen habe ich keine. Dafür gab es eine Taufe live und in Farbe.

Auch musikalisch war einiges geboten. Der Neue Knabenchor Hamburg kam zum Zug.

Dazu kamen Gäste aus der anglikanischen Welt: Der Gottesdienst wurde gemeinsam mit der Anglican-Lutheran Society gefeiert, aus einem sonntäglichen Gottesdienst wird ein besonderes ökumenisches Hamburg-Erlebnis.

Endlich Musicals und die Flusi

Der Nachmittag gehörte den Musicals. „König der Löwen“ oder „Michael Jackson“. Ich war im Team MJ und völlig begeistert. Gerne wäre ich vom Sitz gesprungen und hätte Thriller und Beat it live performt. Das ist der einzige kleine Wermutstropfen: gefeiert wird im Musicaltheater so nicht, man wippt mit der Schulter und singt heimlich mit. Aber trotzdem, die Musik, die Inszinierung und die Leistung der Darsteller/innen sind ohne Worte und dem anderen Teil der Gruppe ging es mit dem König der Löwen genau gleich.
Der Weg zum Musical und zurück führt natürlich wieder über die liebgewonnenen Shuttleboote.

Und weil Hamburg offenbar der Meinung ist, dass wir den letzten Tag nicht ohne Wasser verbringen sollten, gehörte der Besuch auf die Flussschifferkirche dazu und ist mein persönliches Highlight.

Die „Flusi“ ist tatsächlich eine Kirche auf einem Schiff: Ein 1906 gebauter Weserleichter wurde 1952 zur schwimmenden Kirche umgebaut und liegt heute im Hamburger Binnenhafen, nur wenige Schritte von Speicherstadt  entfernt. Sie ist evangelisch-lutherisch und steht in der langen Tradition der Binnenschifferseelsorge.

Das Schiff schaukelt ein wenig, der Hafen ist ganz nah und genau das gehört zur Atmosphäre. Die „Flusi“ ist nicht einfach eine Kirche, die zufällig auf dem Wasser steht. Sie erinnert daran, dass Kirche in Hamburg schon immer dorthin gegangen ist, wo die Menschen unterwegs waren: auf die Schiffe und in den Hafen.

Ein schöner Gedanke für eine Pfarreireise.

Zum Schluss: die Deutsche Bahn

Die Rückfahrt sollte schliesslich noch einmal alles bieten, was man sich von einer deutschen Zugreise wünscht.

Ein kurzfristiger Gleiswechsel. Dreimalige Änderung der Wagenanzeige. Und anschliessend ein Massentumult, der Menschen mit Klaustrophobie eher nicht zu empfehlen ist.

Zumindest ist man den mitleidigen Blicken der bereits sitzenden Fahrgäste gewiss, wenn man sich mit Gepäck durch zehn überfüllte Wagen kämpft.

Bei uns sitzen alle, sogar auf den richtigen Plätzen. Bis Frankfurt.

Denn spätestens dort beginnt wieder die berühmte Reise nach Jerusalem: Wer muss in Fahrtrichtung sitzen und wer darf seinen Platz freiwillig hergeben. Warum auch einfach sitzen bleiben, wenn man daraus eine kleine Pilgerreise machen kann?

Die Damen von S3, manche mögen sich noch an den Anfang dieses Erlebnisbericht erinnern, sind nach 30 Minuten Tumult am Hamburger Bahnhof auch wieder aufgetaucht. Geht halt nichts verloren, auch kein Rollator.

Wer jetzt Lust bekommen hat, Teil dieses wunderbaren Pfarreireise-Teams zu werden, der hat im Oktober 2027 wieder die Gelegenheit dazu.

Denn nach der Reise ist bekanntlich vor der Reise.

MOIN!

Katharina Mey
Kommunikation & Projekte Pfarrei Heiliggeist